Konzert Purple Is The Color, Freitag, 29. November, 20:00

Wir freuen uns sehr, dass wir am 29. November 2019 ab 20:00 Purple Is The Color in Traismauer zu Gast haben dürfen.

Štěpán Flagar: Sopransaxophon
Simon Raab: Piano
Martin Kocián: Kontrabass
Michał Wierzgon: Schlagzeug

Eintritt 20,00 EUR
Kartenreservierung unter
email office@fineartgalerie.at
tel. 0664 – 33 88 720 oder 0680 – 31 33 185

Purple is the Color – UNMASKED
Das neue Quartett um den österreichischen Ausnahme-Pianisten Simon Raab schafft auf seinem Debüt „Unmasked“ spielend den Spagat zwischen Altem und Neuem.

Rot ist das Herz. Blau ist das Hirn. Emotion trifft Verstand. Aber auch: Vitaler Instinkt. Blinde Vernunft (zu allem fähig!). Ein ungleiches Paar ist das. Da ist der Konflikt praktisch vorprogrammiert. Zumindest wenn man gewillt ist, dem traditionell-westlichen Denk-Dualismus treu zu bleiben. Da hilft dann nur mehr die radikale Konversion. Eh schon wissen, vom Regen in die Traufe, von der Gülle in die Jauche [sic!] oder wie es im Geschichtsunterricht heißt: vom Tyrann zum Tyrannen. Verzagen ist aber trotzdem keine Option. Die große Möglichkeit liegt nämlich seit jeher nicht im sturen Entweder-Oder, sondern in der Bejahung des Gegensatzes selbst. Wie lassen sich die beiden scheinbaren Antagonisten versöhnen? – Ein Blick auf die Farbpalette zeigt uns, dass die Antwort denkbar einfach ist: Purple is the Color! Mehr Zustand als Anstrich, entsteht hier eine produktive Spannung jenseits aller einseitigen Dogmen. Eine dynamische Offenheit, die das Quartett um den österreichischen Ausnahme-Pianisten Simon Raab auf seinem Debüt Unmasked ganz grandios verewigt hat.

Unmasked meint dabei niemals die plumpe Idee der Offenbarung einer pseudo-authentischen Identität hinter der „Maske des (musikalischen) Alltags“. Vielmehr geht es um den Verzicht auf eine musikalische Persona, die eine solche lediglich nach außen hin repräsentieren würde. Unmasked heißt hier – deutlich hörbar – die Offenheit gegenüber der eigenen Kontingenz. Die Bereitschaft, sich bedingungslos auf die eigene Musikalität einzulassen. Das erfordert freilich nicht nur den Mut, sich abseits ausgetretener Bahnen in die Wildnis zu wagen, sondern auch die Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Das Neue erscheint hier also nicht unter dem Vorzeichen postmoderner Geschichtsverdrossenheit, sondern vielmehr unter dem eines gewachsenen Selbstverständnis’ zwischen Tradition und Innovation. Wo sich der musikalische Nachwuchs heute oft gerne die eigene Kreativität vom jeweils herrschenden Jargon diktieren lässt, bedienen sich Purple is the Color souverän am Repertoire der alten Meister, um ihre ganz eigene Vision zeitgemäßer Jazz-Musik zu verwirklichen. Modus der Interaktion mit der Vergangenheit ist hier nicht die bedingungslose Unterwerfung, sondern vielmehr der respektvolle Dialog. In klassischer Besetzung – Sax, Piano, Bass und Drums – gelingt es, eine neue, unerhört spannende Sprache zu kultivieren, mit der sich weit über das eigene Herrschaftsgebiet hinaus neue Möglichkeiten ausloten lassen.

So von spielerischem Ernst beseelt, versuchen Simon Raab, Štěpán Flagar, Martin Kocián und Michał Wierzgoń erst gar nicht, irgendjemandem zu gefallen. Viel wichtiger ist aber, dass die Vier daneben auch entschieden nicht darauf zielen, irgendjemanden nicht zu gefallen. Rhythmische Hyperkomplexität als verkappter Elitarismus, harmonische Willkür als windschiefe Sublimation pubertärer Zerstörungswut und sounddesignerische Universallackierung als die heutzutage Rechts wie Links wieder heftig grassierende Angst vor Identitätsverlust, haben hier ganz einfach keinen Platz. Kurz, die vier jungen Männer scheißen sich auf ihrem Debüt wenig bis gar nichts. Und genau so entsteht ein musikalischer Interaktionsraum, in dem immer alles möglich zu sein scheint. Hypnotische Akustik-Grooves á la Esbjörn Svensson (For Now) stehen zwanglos neben halsbrecherischen Free-Jazz-Passagen (Superficial). Von neuer Elektronik inspirierte Beats treffen auf bezaubernd fragile Harmonie (Anniro-C). Die spontane Expressivität mit der Raab und seine Mannen auf den 9 Stücken zu Werke gehen, unterläuft dabei nicht den großen Entwurf, sondern lässt ihn jeweils erst transparent werden. Und gerade so entsteht Musik, die unmittelbar berührt, wo man bereit ist, wirklich zuzuhören.

Der nächste große Wurf der wahrlich nicht inaktiven österreichischen Jazz-Szene. Mit Unmasked gelingt Purple is the Color ein beeindruckendes Debüt, dass zeigt, wo die Reise überall hinführen kann, wenn man sich traut, ohne Navi aufzubrechen, sich ganz auf die eigene Musikalität zu verlassen und also den eigenen Weg im Gehen erst erscheinen zu lassen – jetzt schon eines der Alben des Jahres!

Mehr Soulfood für die Ohren denn Grammelknödel oder Käsekrainer. Keine Musik für die Hotellobby, eher für eine weltvergessene Spelunke in Haarlem, Holland. Erstaunlich, dass so eine weltvergessene Musik aus Österreich kommt. – Franzobel (Ö. Schriftsteller)